Schnorchel

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Schnorchel


Der Schnorchel war ein Luftmast für U-Boote, der während geringer Tauchtiefe die Versorgung der Dieselmotoren mit Außenluft und die Ableitung der Abgase ermöglichte. Dadurch konnten die Dieselmotoren auch bei getauchtem Boot betrieben und gleichzeitig die Batterien geladen werden.

Für die deutsche U-Boot-Waffe gewann der Schnorchel ab 1943 große Bedeutung. Ab Anfang 1944 wurden zahlreiche Front-U-Boote der Typen VII und IX nachgerüstet. Die neuen U-Boot-Typen XXI und XXIII erhielten Schnorchelanlagen bereits im Rahmen ihrer Ausrüstung.

Entwicklung


Vorläufer des späteren deutschen Schnorchels waren bereits vor dem Zweiten Weltkrieg bei der niederländischen Marine entwickelt worden.

Die niederländischen U-Boote „O 19“ und „O 20“ wurden Ende der 1930er Jahre mit entsprechenden Luftmasten erprobt. Auch die Boote der späteren O-21-Klasse erhielten diese Einrichtung.

Nach der Besetzung der Niederlande 1940 fielen mehrere dieser Boote in deutsche Hände. Drei wurden später als UD 3, UD 4 und UD 5 von der Kriegsmarine übernommen.

Die vorhandene niederländische Schnorcheltechnik führte zunächst jedoch nicht zu einer Einführung bei den deutschen Front-U-Booten.

Wiederaufnahme der Entwicklung


Die deutschen U-Boote waren zu Beginn des Krieges hauptsächlich für die Fahrt über Wasser ausgelegt. Die Dieselmotoren ermöglichten dort große Reichweite und hohe Geschwindigkeit, während unter Wasser nur die Elektromotoren und die begrenzte Batteriekapazität zur Verfügung standen.

Mit der zunehmenden alliierten Luftüberwachung und der Verbesserung des Radars wurde die Überwasserfahrt ab 1942/43 immer gefährlicher.

Im Frühjahr 1943 wurde die Schnorchelidee erneut aufgegriffen. Der Ingenieur Hellmuth Walter beteiligte sich an der Entwicklung einer für deutsche U-Boote geeigneten Anlage.

Im Sommer 1943 begann die praktische Erprobung.

Erprobung


U 58 vom Typ II C wurde im August 1943 mit einer Versuchsanlage ausgerüstet und führte in der Ostsee Schnorchelerprobungen durch.

Weitere Versuchsboote folgten.

Für die größeren Front-U-Boote wurde anschließend ein umklappbarer Schnorchelmast entwickelt, der vor dem Turm angeordnet war und für die Schnorchelfahrt hydraulisch aufgerichtet werden konnte.

Ende 1943 begann der Einbau auf ersten Front-U-Booten.

Einführung bei den Front-U-Booten


Der operative Einsatz begann Anfang 1944.

U 539 verließ am 02.01.1944 als eines der ersten mit Schnorchel ausgerüsteten Front-U-Boote einen französischen Stützpunkt zu einer Unternehmung.

Im Verlauf des Jahres 1944 wurde die Nachrüstung erheblich beschleunigt. Bei Werftaufenthalten erhielten immer mehr U-Boote der älteren Typen entsprechende Anlagen.

Bis Ende 1944 waren mindestens weit über hundert konventionelle U-Boote nachgerüstet worden.

Funktionsweise


Der Schnorchel bestand im Wesentlichen aus einem Luftansaug- und einem Abgasweg.

Über den aus dem Wasser ragenden Kopf wurde Außenluft angesaugt und zu den Dieselmotoren geführt. Die Motorabgase wurden gleichzeitig über eine besondere Leitung nach außen geleitet.

Dadurch konnten die Dieselmotoren bei geringer Tauchtiefe betrieben werden.

Dies ermöglichte:

  • Fahrt mit Dieselmotoren unter Wasser,
  • Aufladen der Batterien während der Tauchfahrt,
  • Belüftung des Bootsinneren sowie
  • eine erhebliche Verringerung der notwendigen Überwasserfahrten.

Der Schnorchel machte das U-Boot jedoch nicht außenluftunabhängig. Der Kopf des Luftmastes musste sich ständig unmittelbar über der Wasseroberfläche befinden.

Kopfventil


Am Schnorchelkopf befand sich ein selbsttätiges Verschlussventil.

Geriet der Kopf durch Seegang unter Wasser, sollte das Ventil verhindern, dass Meerwasser in die Luftleitung und das Bootsinnere eindrang.

Sobald der Schnorchelkopf wieder frei war, öffnete das Ventil erneut.

Das wiederholte Öffnen und Schließen bei stärkerem Seegang stellte jedoch eines der größten praktischen Probleme der Schnorchelfahrt dar.

Unterdruck im Boot


Schloss das Kopfventil, liefen die Dieselmotoren für kurze Zeit weiter und entnahmen die benötigte Verbrennungsluft aus dem Inneren des Druckkörpers.

Dadurch konnte innerhalb weniger Sekunden ein erheblicher Unterdruck entstehen.

Bei häufigem Unterschneiden des Schnorchels führte dies für die Besatzung zu unangenehmen und teilweise schmerzhaften Druckschwankungen in den Ohren.

Nach dem erneuten Öffnen des Ventils wurde der Druck wieder ausgeglichen.

Besonders bei unruhiger See konnte sich dieser Vorgang häufig wiederholen und die Schnorchelfahrt für die Besatzung erheblich erschweren.

Schnorcheltiefe


Das Boot musste während der Schnorchelfahrt sehr genau auf einer geringen Tauchtiefe gehalten werden.

Bei U-Booten des Typs IX lag die Schnorchelfahrt beispielsweise ungefähr im Bereich von 13 Metern.

Tauchte das Boot zu tief, wurde der Schnorchelkopf vom Wasser überspült und das Ventil geschlossen. Kam das Boot dagegen zu hoch, konnten Teile des Turmes oder des Sehrohres sichtbar werden.

Die Tiefensteuerung erforderte daher besondere Aufmerksamkeit und wurde bei Seegang erheblich erschwert.

Geschwindigkeit


Bei den nachgerüsteten U-Booten der Typen VII und IX war die Geschwindigkeit während der Schnorchelfahrt begrenzt.

In der Praxis wurden meist etwa 5 bis 6 kn gefahren.

Höhere Geschwindigkeiten erhöhten die mechanische Belastung des ausgefahrenen Mastes und erschwerten zugleich die genaue Tiefenhaltung.

Der Schnorchel machte die älteren U-Boote daher nicht zu schnellen Unterwasserfahrzeugen. Sein wesentlicher Vorteil bestand in der Möglichkeit, über lange Zeit getaucht zu bleiben und die Batterien ohne Auftauchen zu laden.

Geräuschentwicklung


Der Betrieb der Dieselmotoren erzeugte während der Schnorchelfahrt erhebliche Eigen- und Strömungsgeräusche.

Dadurch wurde die Leistungsfähigkeit der Horchgeräte stark eingeschränkt.

Ein U-Boot konnte während laufender Dieselmotoren seine Umgebung akustisch daher wesentlich schlechter überwachen.

In den späteren Einsatzanweisungen wurde deshalb vorgesehen, die Schnorchelfahrt regelmäßig zu unterbrechen und mit den Horchgeräten die Umgebung zu überprüfen.

Abgase und Sichtbarkeit


Auch bei ordnungsgemäßem Betrieb konnte der Schnorchel die Anwesenheit eines U-Bootes verraten.

Der Schnorchelkopf hinterließ bei ungünstigen Bedingungen eine sichtbare Spur an der Wasseroberfläche. Außerdem konnten Dieselabgase beziehungsweise Rauch sichtbar werden.

Bei Tageslicht musste daher besonders auf raucharmen Motorbetrieb und eine möglichst geringe sichtbare Spur geachtet werden.

Radarortung


Der Schnorchel verringerte die Radarerkennbarkeit eines U-Bootes erheblich.

Sein kleiner Kopf bot eine wesentlich geringere Reflexionsfläche als der Turm und der Rumpf eines über Wasser fahrenden U-Bootes.

Vollständig radarunsichtbar war der Schnorchel jedoch nicht. Fortschrittliche alliierte Radargeräte konnten auch kleine Ziele an der Wasseroberfläche erfassen, allerdings gewöhnlich erst auf wesentlich geringere Entfernung als ein aufgetauchtes U-Boot.

Die deutsche Seite experimentierte deshalb zusätzlich mit radarabsorbierenden Materialien und besonderen Beschichtungen für Schnorchelköpfe.

Einbau bei Typ VII


Bei U-Booten des Typs VII wurde der nachträglich eingebaute Schnorchelmast auf der Backbordseite vor dem Turm angeordnet.

Bei Nichtgebrauch lag der Mast nach vorn umgeklappt in einer Aussparung beziehungsweise Halterung auf dem Oberdeck.

Zur Schnorchelfahrt wurde er hydraulisch aufgerichtet.

Die Nachrüstung erforderte Veränderungen an den Luft- und Abgasleitungen sowie weitere technische Umbauten im Bootsinneren.

Einbau bei Typ IX


Bei den U-Booten des Typs IX befand sich der Schnorchelmast gewöhnlich an Steuerbord vor dem Turm.

Auch hier handelte es sich bei den nachgerüsteten Booten um eine umklappbare Konstruktion.

Zeitgenössische alliierte Untersuchungen erbeuteter und übergebener Typ-IX-Boote bestätigen diese Anordnung und einen normalen Schnorchelbetrieb bei ungefähr 5 kn Fahrt.

Typ XXI und Typ XXIII


Die U-Boot-Typen XXI und XXIII wurden als wesentlich stärker auf die Unterwasserfahrt ausgerichtete Bootstypen entwickelt.

Ihre endgültige Ausrüstung umfasste moderne, senkrecht ausfahrbare Schnorchelanlagen.

Im Gegensatz zu den auf ältere U-Boote nachträglich aufgesetzten Klappmasten waren diese Anlagen besser in den Bootskörper beziehungsweise Turmbereich integriert.

In Verbindung mit den erheblich größeren Batteriekapazitäten der Elektro-U-Boote sollte der Schnorchel dazu beitragen, die notwendige Zeit an der Wasseroberfläche auf ein Minimum zu beschränken.

Leben an Bord


Der Schnorchel ermöglichte es den U-Booten, über längere Zeiträume nahezu ständig getaucht zu bleiben.

Dies verschlechterte jedoch die Lebensbedingungen der Besatzung.

Abfälle konnten während längerer Tauchphasen nur eingeschränkt entsorgt werden. Feuchtigkeit, Gerüche und die hohe Belegung des Bootsinneren belasteten die Mannschaft zusätzlich.

Auch die ständig laufenden Dieselmaschinen, Druckschwankungen und die eingeschränkte Möglichkeit zur Belüftung bei ungünstigem Seegang machten längere Schnorchelfahrten körperlich anstrengend.

Taktische Bedeutung


Der Schnorchel veränderte die Einsatzweise der deutschen U-Boote während der letzten Kriegsphase erheblich.

Front-U-Boote konnten nun:

  • lange Anmarschwege weitgehend getaucht zurücklegen,
  • ihre Batterien ohne Auftauchen laden,
  • stark luftüberwachte Seegebiete leichter durchqueren,
  • länger in küstennahen Operationsgebieten bleiben sowie
  • die Gefahr einer Radarortung während des Batterieladens erheblich vermindern.

Während der alliierten Invasion in der Normandie 1944 erwies sich der Schnorchel als besonders wichtig, da nicht ausgerüstete U-Boote in den stark luftüberwachten Gewässern kaum noch operieren konnten.

Grenzen


Trotz seiner Vorteile besaß der Schnorchel erhebliche Nachteile.

Hierzu gehörten:

  • geringe Schnorchelgeschwindigkeit,
  • eingeschränkte Horchfähigkeit,
  • schwierige Tiefenhaltung,
  • starke Druckschwankungen beim Schließen des Kopfventils,
  • Probleme bei stärkerem Seegang,
  • mögliche Rauch- und Abgasspuren,
  • weiterhin bestehende Radarortbarkeit sowie
  • hohe körperliche Belastung der Besatzung.

Der Schnorchel war daher keine vollständige Lösung des technischen Rückstandes der älteren U-Boot-Typen, sondern eine wirksame Übergangslösung.

Bedeutung für die U-Boot-Waffe


Die Einführung des Schnorchels gehörte zu den wichtigsten technischen Veränderungen der deutschen U-Boot-Waffe in der zweiten Kriegshälfte.

Die älteren Typen VII und IX waren ursprünglich für einen überwiegenden Einsatz an der Wasseroberfläche konstruiert worden. Durch die alliierte Luft- und Radarüberlegenheit war diese Einsatzweise spätestens 1943 mit erheblichen Verlusten verbunden.

Der Schnorchel ermöglichte es, die Überwasserfahrt wesentlich zu reduzieren und den Schwerpunkt des U-Boot-Einsatzes zunehmend unter die Wasseroberfläche zu verlagern.

Er bildete damit zugleich einen Übergang zwischen den konventionellen U-Booten der Vorkriegszeit und den konsequent auf die Unterwasserfahrt ausgelegten Typen XXI und XXIII.

Quellen im Bundesarchiv


BArch RM 7 – Seekriegsleitung der Kriegsmarine; Unterlagen zur Entwicklung der U-Boot-Kriegführung und zu technischen Maßnahmen der U-Boot-Waffe.

BArch RM 25 – Hauptamt Kriegsschiffbau der Reichsmarine und Kriegsmarine; Unterlagen zu Konstruktion, Bau und technischer Ausrüstung der U-Boote.

BArch RM 87 – Befehlshaber der Unterseeboote der Kriegsmarine; Befehle, Erfahrungsberichte und Unterlagen zur Einführung und zum operativen Einsatz des Schnorchels.

BArch RM 98 – U-Boote der Reichsmarine und Kriegsmarine; Kriegstagebücher und technische Unterlagen einzelner U-Boote, darunter Angaben zu Nachrüstung, Erprobung und Schnorcheleinsatz.

Literatur


Rössler, Eberhard: "Geschichte des deutschen Ubootbaus. Band 1: Entwicklung, Bau und Eigenschaften der deutschen Uboote von den Anfängen bis 1943." – Bernard & Graefe Verlag 1986.

Rössler, Eberhard: "Geschichte des deutschen Ubootbaus. Band 2: Entwicklung, Bau und Eigenschaften der deutschen Uboote von 1943 bis heute." – Bernard & Graefe Verlag 1987.

Jones, Mark C.: "Give Credit Where Credit Is Due: The Dutch Role in the Development and Deployment of the Submarine Schnorkel." – The Journal of Military History, Band 69, Nr. 4, 2005.

Busch, Rainer / Röll, Hans-Joachim: "Der U-Boot-Krieg 1939–1945." – E.S. Mittler & Sohn.

Quellenverweise: → Quellenangaben in Online-Archiven

Literaturverweise: → Die genannten Bücher zum Kaufen bei Amazon oder ZVAB


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Andreas Angerer - ubootarchivwiki@gmail.com