U-Boot-Abnahmekommando
Unterseebootsabnahmekommando
Das Unterseebootsabnahmekommando (U.A.K.), auch U-Boot-Abnahmekommando genannt, war die zentrale Dienststelle der Kriegsmarine für die militärisch-technische Erprobung neu in Dienst gestellter U-Boote.
Seine Aufgabe bestand darin festzustellen, ob ein Neubau in allen wesentlichen Bereichen den vorgeschriebenen Anforderungen entsprach und für den weiteren Ausbildungs- und späteren Fronteinsatz geeignet war.
Während der Erprobungszeit wurden gleichzeitig technische Mängel festgestellt und beseitigt sowie die Besatzungen mit ihrem neuen Boot und dessen Anlagen vertraut gemacht.
Art der Dienststelle
Das U.A.K. war eine technische Erprobungs- und Abnahmedienststelle der Kriegsmarine.
Es war keine Ausbildungsflottille und keine Werftabnahmestelle.
Die eigentliche Werftfertigstellung und Indienststellung des U-Bootes gingen der umfangreichen militärischen Erprobung voraus.
Das U.A.K. überprüfte anschließend das bereits mit seiner Besatzung in Dienst befindliche Boot unter praktischen Betriebsbedingungen.
Entwicklung
Die organisatorischen Vorläufer des Unterseebootsabnahmekommandos entstanden bereits während des Wiederaufbaus der deutschen U-Boot-Waffe.
Am 1. Juni 1935 wurde in Kiel der Erprobungsausschuss für Unterseeboote eingerichtet.
Zum 1. Februar 1937 wurde daraus die Erprobungsgruppe Unterseeboote innerhalb des Erprobungskommandos für Kriegsschiffneubauten.
Im Januar 1940 wurde die Erprobungsgruppe als Unterseebootsabnahmekommando organisatorisch verselbständigt.
Damit stand für die rasch zunehmende Zahl der U-Boot-Neubauten eine besondere Abnahmeorganisation zur Verfügung.
Unterstellung
Die Unterstellungsverhältnisse änderten sich während des Krieges.
In einer überlieferten Dienstanweisung wird das Unterseebootsabnahmekommando militärisch dem Erprobungskommando für Kriegsschiffneubauten zugeordnet.
In allen eigentlichen Erprobungsangelegenheiten berichtete das U.A.K. unmittelbar an das Oberkommando der Kriegsmarine.
Mit dem Ausbau der U-Boot-Ausbildungsorganisation wurden die truppendienstlichen Beziehungen später verändert, während die fachliche Verantwortung für die technische Erprobung weiterhin eng mit dem Oberkommando der Kriegsmarine verbunden blieb.
Organisation
Das Unterseebootsabnahmekommando bestand aus einem Stab und mehreren Unterseebootsabnahmegruppen (U.A.G.).
Die Zahl und örtliche Verteilung dieser Gruppen änderte sich entsprechend dem zunehmenden U-Boot-Bau während des Krieges.
Zu einer frühen Gliederung gehörten mehrere Gruppen in Kiel und Danzig.
Die einzelnen Abnahmegruppen verfügten über:
- einen Gruppenleiter,
- militärische Referenten,
- Marinebaubeamte für Schiffbau,
- Marinebaubeamte für Maschinenbau sowie
- das erforderliche technische und administrative Personal.
Das U.A.K. war die vorgesetzte Dienststelle der Abnahmegruppen und führte den zentralen Schriftverkehr.
Kiel
Kiel bildete einen der wichtigsten Standorte des U.A.K.
Hier konnten insbesondere Erprobungen durchgeführt werden, die keine längeren Fahrten in tiefere Ostseegewässer erforderten.
Zum Kieler Erprobungsabschnitt gehörten unter anderem:
- Trimmversuche,
- Prüfung von Nachrichtenanlagen,
- Prüfung schiffbaulicher Hilfseinrichtungen,
- Prüfung maschinenbaulicher Hilfseinrichtungen,
- Kontrolle der Treiböl- und Schmierölanlagen sowie
- Prüfung der Torpedorohre mit Modelltorpedos und Übungsmitteln.
Der Stab des U.A.K. war zeitweise auf einem Beischiff beziehungsweise Tender untergebracht.
Danzig
Danzig entwickelte sich neben Kiel zum zweiten wichtigen Schwerpunkt der U-Boot-Abnahme.
Dort bestanden mehrere Unterseebootsabnahmegruppen.
Die Gewässer der Danziger Bucht ermöglichten zahlreiche Fahr-, Tauch- und Maschinenversuche, für die im unmittelbaren Kieler Hafenbereich nicht genügend Raum beziehungsweise Wassertiefe zur Verfügung stand.
In Danzig wurden unter anderem durchgeführt:
- Meilenfahrten,
- Ankermanöver,
- Maschinenmanöver,
- Drehkreisversuche,
- Tauchversuche,
- Dichtigkeitsprüfungen und
- Geräusch- beziehungsweise Abhorchversuche.
Gotenhafen
Ein weiterer Teil der Erprobung fand im Raum Gotenhafen statt.
Dort wurden insbesondere die Torpedoeinrichtungen in Zusammenarbeit mit dem Torpedo-Erprobungskommando geprüft.
Die Aufteilung der Prüfungen auf Kiel, Danzig und Gotenhafen ermöglichte die Nutzung der jeweils vorhandenen technischen Einrichtungen und geeigneten Seegebiete.
Abnahmegruppen
Die Unterseebootsabnahmegruppen führten die eigentlichen Abnahmefahrten und Erprobungen an Bord durch.
Ihre Leiter besaßen während der Erprobung entsprechende Befehlsbefugnisse gegenüber dem betreffenden U-Boot und seiner Besatzung.
Sie überwachten die Durchführung der vorgeschriebenen Versuche und meldeten festgestellte:
- Mängel,
- Störungen,
- Abweichungen und
- Verbesserungsvorschläge.
Bei Bedarf wurde zusätzlich Personal des U.A.K.-Stabes zur Unterstützung der Gruppen eingesetzt.
Zweck der Erprobungen
Zweck der Erprobungen war die Feststellung, ob das U-Boot in allen seinen Teilen frontbrauchbar war.
Dabei sollten vorhandene Mängel erkannt und möglichst beseitigt werden.
Gleichzeitig konnten Verbesserungsvorschläge an die zuständigen technischen Stellen weitergegeben werden.
Die Erprobung war damit ein Bindeglied zwischen:
- Werftfertigung,
- militärischer Übernahme,
- technischer Erprobung,
- Besatzungsausbildung und
- weiterer U-Boot-Ausbildung.
Erprobungsplan
Die Durchführung richtete sich nach vom Oberkommando der Kriegsmarine festgelegten Typ- beziehungsweise Serienerprobungsplänen.
Dadurch konnten Boote desselben Typs nach weitgehend einheitlichen Verfahren geprüft werden.
Für neuartige Konstruktionen und Typboote war ein größerer Erprobungsumfang erforderlich als für bereits in Serie gebaute U-Boote.
Erprobungsdauer
Die Dauer des normalen Probefahrtsverhältnisses richtete sich nach Bootstyp und Erprobungsumfang.
Für normale Serienerprobungen waren zeitweise beispielsweise vorgesehen:
- Typ IX – etwa 30 Tage,
- Typ VII B und VII C – etwa 28 Tage,
- Typ II D – etwa 21 Tage.
Bei Typbooten, Sondererprobungen oder auftretenden technischen Schwierigkeiten konnte sich die Dauer erheblich verlängern.
Die tatsächlichen Zeiten änderten sich außerdem entsprechend der Kriegslage und den verfügbaren Erprobungsgebieten.
Fahrversuche
Zu den wichtigsten Aufgaben gehörten umfangreiche Fahrversuche.
Dabei wurden unter anderem:
- Höchst- und Dauerleistung,
- Maschinenverhalten,
- Manövrierfähigkeit,
- Drehkreise,
- Beschleunigung,
- Brennstoffverbrauch und
- Verhalten des Bootes bei unterschiedlichen Fahrstufen
untersucht.
Auf Verlegungsfahrten zwischen den Erprobungsgebieten konnten gleichzeitig längere Vollastfahrten der Dieselmotoren durchgeführt werden.
Taucherprobung
Die sichere Tauchfähigkeit gehörte zu den wichtigsten Prüfgebieten.
Erprobt wurden unter anderem:
- Tauchen in Fahrt,
- Verhalten mit unterschiedlicher Trimmung,
- Tiefensteuerung,
- Tauchzellen,
- Dichtigkeit,
- Tiefenruder und
- Funktion der tauchtechnischen Anlagen.
Ein U-Boot durfte während der Erprobungszeit nicht eigenmächtig Tauchversuche durchführen, bevor es durch das U.A.K. beziehungsweise die zuständige Abnahmegruppe dafür freigegeben worden war.
Maschinen- und Elektroanlagen
Die Maschinen- und Elektroanlagen wurden ebenfalls umfangreich geprüft.
Hierzu gehörten:
- Dieselmotoren,
- Elektromotoren,
- Hilfsmaschinen,
- Pumpen,
- Treibölanlagen,
- Schmierölanlagen,
- Batterien,
- elektrische Schaltanlagen und
- weitere technische Hilfseinrichtungen.
Für diese Bereiche standen dem U.A.K. Ingenieuroffiziere und Marinebaubeamte zur Verfügung.
Besatzung während der Erprobung
Die Erprobungen dienten gleichzeitig der weiteren Einarbeitung der Besatzung.
Die Männer lernten dabei das Verhalten ihres eigenen Bootes und seiner technischen Anlagen unter praktischen Bedingungen kennen.
Dies war besonders wichtig, da selbst Boote derselben Baureihe individuelle technische Eigenheiten aufweisen konnten.
Der Kommandant blieb grundsätzlich für die Führung und Sicherheit des Bootes verantwortlich.
Der Leitende Ingenieur behielt die Verantwortung für den Maschinenbetrieb und die Durchführung der vorgeschriebenen technischen Sicherheitsmaßnahmen.
Bei einzelnen Prüfungen konnten verantwortliche Offiziere des U.A.K. beziehungsweise der Abnahmegruppe vorübergehend die Leitung des betreffenden Erprobungsbereiches übernehmen.
Baubelehrung und U.A.K.
Die Baubelehrung und die U.A.K.-Erprobung waren voneinander zu unterscheiden.
Während der Baubelehrung wurde die zukünftige Besatzung bereits vor beziehungsweise während der Fertigstellung mit Aufbau und technischen Anlagen ihres Bootes vertraut gemacht.
Nach der Indienststellung folgte die praktische militärische Erprobung beim U.A.K.
Dabei konnte die Besatzung ihre zuvor erworbenen Kenntnisse unter realen Betriebsbedingungen vertiefen.
Weitere Ausbildung
Mit Abschluss der U.A.K.-Erprobungen war die Ausbildung einer U-Boot-Besatzung noch nicht beendet.
Es folgten weitere Ausbildungsabschnitte bei den hierfür zuständigen:
- U-Boot-Ausbildungsflottillen,
- Torpedoausbildungsstellen,
- taktischen Ausbildungsverbänden und
- technischen Ausbildungsgruppen.
Das U.A.K. prüfte in erster Linie das Boot und seine technischen Anlagen.
Die umfassende taktische und gefechtsmäßige Ausbildung der Besatzung war Aufgabe anderer Dienststellen.
Typ XXI
Mit der Einführung der neuen Elektro-U-Boote des Typs XXI erhielt das U.A.K. in der letzten Kriegsphase zusätzliche Aufgaben.
Die völlig neue Konstruktion erforderte umfangreiche Prüfungen der:
- elektrischen Anlagen,
- Batterien,
- Unterwasserfahrleistungen,
- Maschinenanlagen,
- Tauch- und Steuerungseinrichtungen sowie
- zahlreichen neuen Hilfs- und Bedienungssysteme.
Luftangriffe, Materialmangel, Fertigungsprobleme und der Verlust ostdeutscher Erprobungsgebiete erschwerten diese Arbeiten 1944 und 1945 erheblich.
Auch die Typ-XXI-Boote durchliefen nach ihrer Indienststellung die technische Erprobung beim U.A.K.
Bedeutung für die U-Boot-Waffe
Das Unterseebootsabnahmekommando war eine zentrale technische Dienststelle beim Übergang eines neu gebauten U-Bootes vom Werftbetrieb in den militärischen Ausbildungs- und Einsatzbetrieb.
Seine Bedeutung lag insbesondere in:
- einheitlicher technischer Erprobung,
- Feststellung der Frontbrauchbarkeit,
- frühzeitiger Erkennung von Konstruktions- und Fertigungsmängeln,
- Überprüfung der Tauch- und Fahrsicherheit,
- Kontrolle von Maschinen- und Waffenanlagen,
- Rückmeldung technischer Erfahrungen an die zuständigen Stellen sowie
- praktischer Einarbeitung der Besatzung in ihr neues Boot.
Damit stellte das U.A.K. sicher, dass technische Mängel möglichst vor dem Abschluss der weiteren Ausbildung erkannt und beseitigt wurden.
Art der Dienststelle
- Technische Erprobungs- und Abnahmedienststelle der Kriegsmarine
- Vorläufer seit 1. Juni 1935
- Seit Januar 1940 Unterseebootsabnahmekommando
- Schwerpunkt Kiel und Danzig
- Gliederung in Stab und mehrere Unterseebootsabnahmegruppen
- Technische und militärische Erprobung neu in Dienst gestellter U-Boote
- Fahr-, Tauch-, Maschinen- und Anlagenversuche
- Prüfung der Frontbrauchbarkeit
- Feststellung und Beseitigung technischer Mängel
- Gleichzeitige Einarbeitung der Besatzung
- Serienerprobungen nach festgelegten Erprobungsplänen
- Auch für die Abnahme der Typ-XXI-Boote zuständig
- Bestand bis zum Kriegsende 1945
Quellen im Bundesarchiv
BArch RM 89 – Unterseebootstäbe der Kriegsmarine; zentraler Bestand für Stäbe und besondere Dienststellen innerhalb der U-Boot-Organisation.
BArch RM 87 – Befehlshaber der Unterseeboote der Kriegsmarine; ergänzende Unterlagen zur Organisation, Ausbildung und technischen Einsatzbereitschaft der U-Boot-Waffe.
BArch RM 98 – Unterseeboote der Kriegsmarine; Unterlagen einzelner U-Boote mit ergänzenden Nachweisen zu Indienststellung, Erprobung und Ausbildung.
BArch RM 25 – Oberkommando der Kriegsmarine / Hauptamt Kriegsschiffbau; technische Unterlagen, Konstruktionszeichnungen und Bauunterlagen zu U-Booten und deren Anlagen.
BArch PERS 6 – Personalunterlagen von Angehörigen der Reichswehr und Wehrmacht; soweit überliefert mit Angaben zu Verwendungen beim U.A.K. und den Unterseebootsabnahmegruppen.
Literatur
Rössler, Eberhard: "Geschichte des deutschen U-Bootbaus" - 2 Bände Bernard & Graefe Verlag 1996.
Rössler, Eberhard: "Die deutschen U-Boote und ihre Werften" - Bernard & Graefe Verlag.
Lohmann, Walter / Hildebrand, Hans H.: "Die deutsche Kriegsmarine 1939–1945" - 3 Bände Podzun Verlag 1956.
Hildebrand, Hans H.: "Die organisatorische Entwicklung der Marine nebst Stellenbesetzung 1848–1945" - Biblio Verlag 2000.
Quellenverweise → Quellenangaben in Online-Archiven
Literaturverweise → Die genannten Bücher zum Kaufen bei Amazon oder ZVAB
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Andreas Angerer - ubootarchivwiki@gmail.com