Wasserbombe
Wasserbombe
Die Wasserbombe war während des Zweiten Weltkrieges eine der wichtigsten Waffen zur Bekämpfung getauchter U-Boote. Sie wurde von Zerstörern, Geleitfahrzeugen, Korvetten, Fregatten und anderen U-Jagd-Fahrzeugen sowie von Flugzeugen eingesetzt.
Die klassische Wasserbombe bestand aus einem mit Sprengstoff gefüllten Metallkörper und einem Zündsystem, das die Detonation in einer voreingestellten Wassertiefe auslöste.
Bei den meisten Wasserbomben erfolgte die Zündung durch einen hydrostatischen Zünder, der auf den mit zunehmender Tiefe steigenden Wasserdruck reagierte.
Wirkung
Die Wirkung einer Unterwasserdetonation beruhte vor allem auf der starken Druckwelle und der anschließenden Ausdehnung und Zusammenziehung der bei der Explosion entstehenden Gasblase.
Eine Wasserbombe musste ein U-Boot deshalb nicht unmittelbar treffen. Detonierte sie nahe genug am Boot, konnten erhebliche Schäden entstehen.
Hierzu gehörten unter anderem:
- Verformungen und Beschädigungen des Druckkörpers,
- Leckagen,
- Beschädigungen von Rohrleitungen und Ventilen,
- Ausfall elektrischer Anlagen,
- Schäden an Batterien und Maschinen,
- Beschädigung von Tiefenrudern und anderen Außenanlagen sowie
- Ausfälle von Instrumenten und Geräten.
Eine sehr nahe Detonation konnte den Druckkörper aufreißen und zum unmittelbaren Verlust des U-Bootes führen.
Die Wirkung hing jedoch wesentlich von Sprengstoffmenge, Entfernung, Wassertiefe und Konstruktion des U-Bootes ab. Ein allgemeingültiger „Vernichtungsradius“ lässt sich deshalb nicht angeben.
Einsatz von Überwasserschiffen
Wasserbomben wurden zunächst überwiegend über Ablaufbahnen am Heck ins Wasser gerollt.
Zusätzlich verfügten U-Jagd-Fahrzeuge über Wasserbombenwerfer, mit denen die Ladungen seitlich vom Schiff geschleudert werden konnten.
Dadurch konnten mehrere Wasserbomben gleichzeitig beziehungsweise in kurzer Folge in einem bestimmten Muster um die vermutete Position des U-Bootes verteilt werden.
Die britische Royal Navy verwendete hierzu unter anderem verschiedene Mark-Wasserbomben sowie Thornycroft-Wasserbombenwerfer. Die US Navy setzte unter anderem den sogenannten K-Gun-Werfer ein.
Ortung und Angriff
Die wichtigste Voraussetzung für einen Wasserbombenangriff war eine möglichst genaue Ortung des getauchten U-Bootes.
Britische und andere alliierte Geleitfahrzeuge verwendeten hierzu ASDIC beziehungsweise Sonargeräte. Diese ermöglichten die Bestimmung von Richtung und Entfernung des Ziels.
Bei den frühen Geräten ging der Kontakt jedoch häufig verloren, sobald sich das angreifende Schiff unmittelbar über beziehungsweise sehr nahe am U-Boot befand.
Das U-Boot erhielt dadurch während der letzten Phase des Anlaufes Gelegenheit zu Ausweichmanövern.
Aus diesem Grund wurden Wasserbomben meist in größeren Mustern geworfen, um einen möglichst großen Bereich um die vermutete Position und Tiefe des U-Bootes abzudecken.
Britische Wasserbomben
Mark VII
Die Mark VII war während der ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges die Standard-Wasserbombe der Royal Navy.
Gesamtgewicht: etwa 191 kg
Sprengladung: etwa 132 kg
Sinkgeschwindigkeit: etwa 3 m/s
Zündtiefe: zunächst bis etwa 90 m, bei späteren Ausführungen erheblich größere Tiefen möglich
Die Mark VII war zylindrisch aufgebaut und konnte sowohl von Heckablaufbahnen als auch von Wasserbombenwerfern eingesetzt werden.
Als Sprengstoff wurden während des Krieges unterschiedliche Füllungen verwendet. Leistungsfähigere Sprengstoffe erhöhten die Wirkung der Waffe.
Mark VII Heavy
Zur Erhöhung der Sinkgeschwindigkeit wurde die Mark VII mit einem zusätzlichen schweren Gewicht versehen.
Dadurch stieg die Sinkgeschwindigkeit auf etwa 5,1 m/s.
Die schneller sinkende Wasserbombe verkürzte die Zeit zwischen Abwurf und Detonation und erschwerte dadurch Ausweichmanöver des angegriffenen U-Bootes.
Die Mark VII Heavy konnte gemeinsam mit langsameren Wasserbomben eingesetzt werden, um ein Angriffsmuster auch in der Tiefe zu staffeln.
Mark X
Die Mark X war eine außergewöhnlich große britische Wasserbombe für die Bekämpfung tief getauchter U-Boote.
Gesamtgewicht: etwa 1.380 kg
Sprengladung: etwa 907 kg
Die Waffe war für den Abschuss aus einem 21-Zoll-Torpedorohr vorgesehen.
Bei der weiterentwickelten Mark X* wurde die Sinkgeschwindigkeit erheblich erhöht und eine größere Einsatz- beziehungsweise Zündtiefe erreicht.
Wegen ihres hohen Gewichtes und des aufwendigen Einsatzverfahrens blieb die Verwendung dieser Wasserbombe begrenzt.
Mark XI
Die Mark XI war eine speziell für den Einsatz aus Flugzeugen entwickelte britische Wasserbombe.
Gesamtgewicht: etwa 112 kg
Sprengladung: etwa 77 kg Torpex
Zündtiefe: etwa 7,6 m
Die Mark XI besaß eine für den Abwurf aus Flugzeugen geeignete Form und einen besonders gestalteten Bug, der ein Abprallen von der Wasseroberfläche vermindern sollte.
Sie wurde ab 1942 eingesetzt und entwickelte sich zu einer wichtigen U-Boot-Abwehrwaffe des RAF Coastal Command.
Die Wasserbomben wurden gewöhnlich in einer Reihe von mehreren Ladungen über oder unmittelbar vor dem tauchenden U-Boot abgeworfen.
Amerikanische Wasserbomben
Mark 6
Die Mark 6 war eine der wichtigsten zylindrischen Wasserbomben der US Navy in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkrieges.
Gesamtgewicht: etwa 191 kg
Sprengladung: etwa 136 kg TNT
Zündtiefe: 9 bis etwa 91 m
Die Ausführung Mark 6 Mod. 1 konnte mit einem weiterentwickelten hydrostatischen Zünder bis zu einer Tiefe von etwa 183 m eingestellt werden.
Die Mark 6 konnte sowohl von Ablaufbahnen als auch von Wasserbombenwerfern eingesetzt werden.
Mark 7
Die Mark 7 war eine wesentlich größere und schwerere Wasserbombe.
Gesamtgewicht: etwa 347 kg
Sprengladung: etwa 272 kg TNT
Die Konstruktion entsprach grundsätzlich der Mark 6, verfügte jedoch über einen größeren Behälter und die doppelte Sprengstoffmenge.
Aufgrund ihres hohen Gewichtes konnte sie von den damals verwendeten K-Gun-Werfern nicht verschossen werden und wurde hauptsächlich über Ablaufbahnen am Heck eingesetzt.
Auch bei der Mark 7 ermöglichten spätere Zünder Einstellungen bis zu etwa 183 m Wassertiefe.
Mark 9
Die Mark 9 stellte gegenüber den älteren zylindrischen amerikanischen Wasserbomben eine wesentliche Weiterentwicklung dar.
Sie besaß einen stromlinienförmigen, tropfenähnlichen Körper und schräggestellte Stabilisierungsflächen. Dadurch sank sie schneller und folgte einer stabileren Bahn durch das Wasser.
Gesamtgewicht: je nach Ausführung etwa 145 bis 154 kg
Sprengladung: etwa 86 bis 91 kg TNT beziehungsweise Torpex
Sinkgeschwindigkeit: zunächst etwa 4,3 bis 4,4 m/s, bei weiterentwickelten Ausführungen bis etwa 6,9 m/s
Zündtiefe: bei frühen Ausführungen bis etwa 183 m, bei späteren Ausführungen bis etwa 300 m
Die Mark 9 wurde ab 1943 eingesetzt und konnte sowohl von Heckablaufbahnen als auch mit entsprechenden Werfern verschossen werden.
Die größere Sinkgeschwindigkeit verkürzte die Zeit, die einem U-Boot zwischen dem Angriff des Geleitfahrzeuges und der Detonation der Wasserbomben für Ausweichmanöver blieb.
Wasserbomben von Flugzeugen
Auch Flugzeuge gehörten zu den wichtigsten Trägern von Wasserbomben.
Der Angriff erfolgte bevorzugt auf ein an der Oberfläche fahrendes oder gerade abtauchendes U-Boot. Die Wasserbomben wurden in geringer Höhe in einer Reihe über den Kurs des U-Bootes abgeworfen.
Für die Wirksamkeit eines solchen Angriffes waren eine geringe Abwurfhöhe, richtige Abstände zwischen den einzelnen Wasserbomben und eine möglichst geringe Zündtiefe von großer Bedeutung.
Besonders RAF Coastal Command entwickelte seine Angriffstaktik im Verlauf des Krieges ständig weiter.
Die Kombination aus Radarortung, Leigh Light, verbesserten Angriffstaktiken und mit Torpex gefüllten Wasserbomben erhöhte die Gefährdung deutscher U-Boote durch Flugzeuge erheblich.
Sprengstoffe
Bei den alliierten Wasserbomben kamen unterschiedliche Sprengstoffe zum Einsatz.
Hierzu gehörten insbesondere:
- TNT,
- Amatol,
- Minol,
- Torpex.
Torpex enthielt neben TNT und RDX auch Aluminiumpulver und besaß eine besonders starke Wirkung bei Unterwasserdetonationen. Es wurde deshalb bevorzugt für verschiedene Torpedos und U-Boot-Abwehrwaffen verwendet.
Die Einführung leistungsfähigerer Sprengstoffe ermöglichte eine größere Wirkung ohne entsprechende Vergrößerung des gesamten Waffenbehälters.
Entwicklung der Wasserbombenabwehr
Mit zunehmender Leistungsfähigkeit deutscher U-Boote mussten auch die alliierten U-Boot-Abwehrwaffen weiterentwickelt werden.
Verbesserungen betrafen insbesondere:
- größere einstellbare Zündtiefen,
- höhere Sinkgeschwindigkeiten,
- leistungsfähigere Sprengstoffe,
- größere Wasserbombenmuster,
- verbesserte Sonarortung sowie
- genauere Angriffsauswertung.
Die schnellere Sinkgeschwindigkeit war besonders wichtig, da ein U-Boot während der Sinkzeit einer Wasserbombe seinen Kurs und seine Tiefe verändern konnte.
Angriffsmuster
Einzelne Wasserbomben boten nur eine begrenzte Wahrscheinlichkeit, nahe genug am U-Boot zu detonieren.
U-Jagd-Fahrzeuge warfen deshalb meist mehrere Wasserbomben in festgelegten Mustern. Durch Heckablaufbahnen und seitliche Werfer konnten die Ladungen über eine größere Fläche verteilt werden.
Zusätzlich konnten unterschiedliche Zündtiefen eingestellt werden, um einen dreidimensionalen Wirkungsraum um die vermutete Position des U-Bootes zu schaffen.
Im Verlauf des Krieges wurden Zahl, Abstand und Tiefenstaffelung der Wasserbomben anhand der ausgewerteten Kampferfahrungen wiederholt verändert.
Grenzen der Wasserbombe
Trotz ihrer starken Sprengwirkung war die Wasserbombe keine Präzisionswaffe.
Das angreifende Schiff musste die zukünftige Position und Tiefe des U-Bootes abschätzen. Bereits geringe Fehler bei Kurs, Geschwindigkeit oder Tiefe des Zieles konnten dazu führen, dass das U-Boot außerhalb des wirksamen Bereiches der Explosionen lag.
Viele U-Boote überstanden deshalb auch umfangreiche Wasserbombenangriffe.
Die Wirksamkeit verbesserte sich jedoch durch leistungsfähigere Ortungsgeräte, größere Angriffsmuster, schnell sinkende Wasserbomben und eine immer systematischere Auswertung der Angriffserfahrungen.
Weiterentwicklung der U-Boot-Abwehr
Das Grundproblem des klassischen Wasserbombenangriffes bestand darin, dass das angreifende Schiff über das Ziel hinwegfahren musste und dabei häufig den Sonarkontakt verlor.
Daher wurden während des Krieges Waffen entwickelt, die bereits vor das angreifende Schiff geschossen werden konnten.
Hierzu gehörten insbesondere:
- Hedgehog,
- Squid.
Diese Waffen ergänzten und verdrängten gegen Ende des Krieges auf entsprechend ausgerüsteten Geleitfahrzeugen zunehmend die klassische Wasserbombe als wichtigste U-Boot-Abwehrwaffe.
Wasserbomben blieben jedoch bis zum Kriegsende in großem Umfang im Einsatz.
Bedeutung für die deutsche U-Boot-Waffe
Wasserbomben gehörten während des gesamten Zweiten Weltkrieges zu den häufigsten Waffen, mit denen deutsche U-Boote unter Wasser angegriffen wurden.
Neben der unmittelbaren Gefahr für den Druckkörper hatten auch nicht unmittelbar tödliche Detonationen erhebliche Auswirkungen. Beschädigungen, Wassereinbrüche und technische Ausfälle konnten ein U-Boot zum Auftauchen oder zum Abbruch einer Unternehmung zwingen.
Die zunehmende Leistungsfähigkeit der alliierten U-Boot-Abwehr führte dazu, dass deutsche U-Boot-Kommandanten immer häufiger mit längeren und umfangreicheren Wasserbombenverfolgungen konfrontiert wurden.
Quellen in britischen und amerikanischen Archiven
The National Archives (TNA), AIR 15 – Unterlagen des RAF Coastal Command; darunter Akten zur Entwicklung und Wirkung von Wasserbomben sowie zum Einsatz von Torpex in der U-Boot-Abwehr.
National Archives and Records Administration (NARA), Record Group 74 – Records of the Bureau of Ordnance; technische Unterlagen zur Entwicklung und Verwendung amerikanischer Wasserbomben.
U.S. Navy Bureau of Ordnance: "Depth Charges, Mark 6, Mark 6 Mod. 1, Mark 7 and Mark 7 Mod. 1." – Ordnance Pamphlet No. 747, 1943.
U.S. Navy Bureau of Ordnance: "Depth Charge, Mark 9 and Modifications." – Ordnance Pamphlet No. 866, 1944.
Literatur
Campbell, John:
"Naval Weapons of World War Two." – Conway Maritime Press 1985.
Henry, Chris: "Depth Charge! Royal Naval Mines, Depth Charges & Underwater Weapons 1914–1945." – Pen & Sword 2005.
Friedman, Norman: "U.S. Destroyers. An Illustrated Design History." – Naval Institute Press 1982.
Quellenverweise: → Quellenangaben in Online-Archiven
Literaturverweise: → Die genannten Bücher zum Kaufen bei Amazon oder ZVAB
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Andreas Angerer - ubootarchivwiki@gmail.com