Wasserbombe
Wasserbombe
Die Wasserbombe war während des Zweiten Weltkrieges eine der wichtigsten Waffen zur Bekämpfung getauchter U-Boote. Sie wurde vor allem von Zerstörern, Korvetten, Fregatten und anderen U-Jagd-Fahrzeugen sowie von Flugzeugen eingesetzt. Die klassische Wasserbombe bestand aus einem mit Sprengstoff gefüllten Metallkörper und einem Zünder, der die Ladung in einer vorher eingestellten Wassertiefe zur Explosion brachte. Ein direkter Treffer auf das U-Boot war nicht erforderlich. Entscheidend war, dass die Wasserbombe nahe genug am Boot detonierte, damit die Druckwirkung der Unterwasserexplosion schwere Schäden verursachte.
Zündung
Bei den meisten Wasserbomben wurde ein hydrostatischer Zünder verwendet. Dieser reagierte auf den mit zunehmender Wassertiefe steigenden Wasserdruck. Vor dem Angriff wurde eingestellt, in welcher Tiefe die Wasserbombe detonieren sollte. Dazu musste die Besatzung des angreifenden Schiffes die ungefähre Tauchtiefe des U-Bootes kennen oder abschätzen. Im Verlauf des Krieges wurden Zünder entwickelt, die auch für immer größere Wassertiefen eingestellt werden konnten. Dies war notwendig, weil deutsche U-Boote bei Angriffen zunehmend versuchten, größere Tiefen zu erreichen.
Wirkung
Die Wirkung einer Wasserbombe beruhte hauptsächlich auf der starken Druckwelle einer Unterwasserexplosion. Detonierte die Ladung nahe genug am U-Boot, konnte der Druckkörper verformt oder aufgerissen werden. Auch ohne eine unmittelbare Zerstörung konnten Rohrleitungen, Ventile, Pumpen, Batterien, Elektromotoren, Ruderanlagen und andere Einrichtungen beschädigt werden. Leckagen konnten zu Wassereinbrüchen führen. Gleichzeitig konnten durch die Erschütterung elektrische Anlagen und Instrumente ausfallen. Eine besonders nahe Explosion konnte den Druckkörper so schwer beschädigen, dass das U-Boot unmittelbar verloren ging. Auch weniger schwere Schäden konnten ein Boot zum Auftauchen oder zum Abbruch seiner Unternehmung zwingen.
Ortung des U-Bootes
Vor einem Wasserbombenangriff musste die Position des getauchten U-Bootes möglichst genau festgestellt werden. Alliierte Geleitfahrzeuge verwendeten dazu vor allem ASDIC beziehungsweise Sonargeräte. Dabei wurden Schallimpulse ausgesandt, deren Echo eine Bestimmung von Richtung und Entfernung des U-Bootes ermöglichte. Bei den frühen Anlagen bestand jedoch ein Nachteil. Wenn sich das angreifende Schiff unmittelbar über das U-Boot bewegte, konnte der Sonarkontakt während der letzten Phase des Angriffes verloren gehen. Der Kommandant des U-Bootes konnte versuchen, diesen Zeitraum für Kurs- und Tiefenänderungen zu nutzen.
Einsatz durch Überwasserschiffe
Wasserbomben wurden zunächst hauptsächlich über Ablaufbahnen am Heck eines U-Jagd-Fahrzeuges ins Wasser gerollt. Zusätzlich kamen Wasserbombenwerfer zum Einsatz. Mit ihnen konnten Wasserbomben seitlich vom Schiff geschleudert werden. Dadurch konnten mehrere Wasserbomben in kurzer Folge um die vermutete Position des U-Bootes verteilt werden. Das angreifende Fahrzeug erzeugte damit ein größeres Angriffsmuster, statt lediglich einzelne Wasserbomben unmittelbar hinter dem Schiff abzuwerfen. Britische Schiffe verwendeten unter anderem Thornycroft-Wasserbombenwerfer. Bei amerikanischen Schiffen war der sogenannte K-Gun ein weit verbreiteter Wasserbombenwerfer.
Angriffsmuster
Einzelne Wasserbomben boten nur eine geringe Wahrscheinlichkeit, nahe genug an einem ausweichenden U-Boot zu detonieren. Deshalb wurden meistens mehrere Wasserbomben in einem festgelegten Muster geworfen. Durch die Heckablaufbahnen und seitlichen Werfer konnten die Ladungen über eine größere Fläche verteilt werden. Zusätzlich wurden unterschiedliche Zündtiefen eingestellt. Dadurch sollten Wasserbomben oberhalb, unterhalb und neben der vermuteten Position des U-Bootes detonieren. Im Verlauf des Krieges wurden Anzahl, Abstand und Tiefeneinstellung der Wasserbomben anhand der Erfahrungen aus zahlreichen U-Jagd-Angriffen weiterentwickelt.
Britische Mark VII
Die Mark VII gehörte in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges zu den wichtigsten Wasserbomben der Royal Navy. Sie wog ungefähr 191 kg und enthielt etwa 132 kg Sprengstoff. Ihre Sinkgeschwindigkeit betrug ungefähr 3 m/s. Frühere Zünder erlaubten Einstellungen bis etwa 90 m Tiefe, während spätere Ausführungen auch für wesentlich größere Tiefen verwendet werden konnten. Die Mark VII konnte sowohl über Heckablaufbahnen als auch mit Wasserbombenwerfern eingesetzt werden.
Britische Mark VII Heavy
Um einem U-Boot weniger Zeit für Ausweichmanöver zu lassen, wurde eine schneller sinkende Ausführung der Mark VII entwickelt. Bei der Mark VII Heavy wurde zusätzliches Gewicht verwendet, wodurch die Sinkgeschwindigkeit auf ungefähr 5 m/s erhöht wurde. Die kürzere Zeit zwischen Abwurf und Detonation erschwerte es einem U-Boot, durch schnelle Kurs- oder Tiefenänderungen aus dem Angriffsmuster herauszulaufen. Normale und schneller sinkende Wasserbomben konnten auch gemeinsam verwendet werden.
Britische Mark X
Die Mark X war eine besonders schwere britische Wasserbombe. Sie wog ungefähr 1.380 kg und enthielt etwa 907 kg Sprengstoff. Die Waffe war für den Ausstoß aus einem 53,3-cm-Torpedorohr vorgesehen. Die ursprüngliche Mark X sank vergleichsweise langsam. Mit der Mark X* wurde 1943 eine erheblich schneller sinkende Ausführung eingeführt, die auch gegen tiefer tauchende U-Boote verwendet werden konnte. Die Mark X blieb wegen ihres hohen Gewichtes und des besonderen Einsatzverfahrens eine ungewöhnliche U-Boot-Abwehrwaffe und erreichte nicht die Verbreitung der normalen Wasserbomben.
Britische Mark XI
Die Mark XI war eine für den Einsatz aus Flugzeugen entwickelte britische Wasserbombe. Sie wog ungefähr 112 kg und enthielt etwa 77 kg Torpex. Die Zündung erfolgte bereits in geringer Wassertiefe von ungefähr 7,6 m. Ihre Form war so gestaltet, dass die Gefahr eines Abprallens von der Wasseroberfläche beim Abwurf aus einem Flugzeug vermindert wurde. Die Mark XI wurde ab 1942 eingesetzt und gehörte zu den Waffen, die von alliierten Flugzeugen gegen deutsche U-Boote verwendet wurden.
Amerikanische Mark 6
Die Mark 6 gehörte während des Zweiten Weltkrieges zu den wichtigsten amerikanischen Wasserbomben. Sie wog ungefähr 191 kg und enthielt etwa 136 kg TNT. Die Wasserbombe konnte sowohl über Ablaufbahnen als auch mit Wasserbombenwerfern eingesetzt werden. Spätere Ausführungen erhielten Zünder für größere Tiefen und teilweise zusätzliches Gewicht, um die Sinkgeschwindigkeit zu erhöhen. Die Mark 6 wurde in sehr großen Stückzahlen hergestellt und auf zahlreichen amerikanischen U-Jagd-Fahrzeugen eingesetzt.
Amerikanische Mark 7
Die amerikanische Mark 7 war eine wesentlich schwerere Wasserbombe. Sie wog ungefähr 338 kg und enthielt etwa 272 kg TNT. Aufgrund ihres hohen Gewichtes wurde sie hauptsächlich über Ablaufbahnen am Heck eingesetzt und war für die verbreiteten K-Gun-Werfer zu schwer. Spätere Zünder ermöglichten auch bei dieser Waffe Angriffe auf größere Tauchtiefen.
Amerikanische Mark 9
Die Mark 9 war eine Weiterentwicklung der bisherigen amerikanischen Wasserbomben und wurde ab 1943 eingesetzt. Im Gegensatz zu den älteren zylindrischen Wasserbomben besaß sie einen stromlinienförmigeren Körper und Stabilisierungsflächen. Dadurch sank sie schneller und folgte einer günstigeren Bahn durch das Wasser. Je nach Ausführung wog sie ungefähr 145 bis 154 kg und enthielt etwa 86 bis 91 kg Sprengstoff. Spätere Ausführungen erreichten Sinkgeschwindigkeiten von fast 7 m/s und konnten für größere Zündtiefen eingestellt werden. Die Mark 9 entwickelte sich im weiteren Kriegsverlauf zu einer wichtigen Wasserbombe der US Navy.
Einsatz durch Flugzeuge
Flugzeuge wurden im Verlauf des Krieges zu einer immer größeren Gefahr für deutsche U-Boote. Ein günstiges Angriffsziel war ein an der Oberfläche fahrendes oder gerade abtauchendes U-Boot. Das Flugzeug flog das Boot in geringer Höhe an und warf mehrere Wasserbomben in einer Reihe über dessen vermuteten Fahrweg. Da sich das U-Boot unmittelbar nach dem Abtauchen noch dicht unter der Wasseroberfläche befand, wurden die Zünder der Flugzeug-Wasserbomben auf geringe Tiefen eingestellt. Besonders das britische RAF Coastal Command entwickelte den Wasserbombenangriff auf U-Boote ständig weiter. Die Verbindung von Radar, Leigh Light, verbesserten Angriffstaktiken und leistungsfähigen Wasserbomben erhöhte die Gefahr durch alliierte Flugzeuge erheblich.
Verhalten des U-Bootes beim Angriff
Wurde ein bevorstehender Wasserbombenangriff erkannt, versuchte der U-Boot-Kommandant durch Kurs-, Geschwindigkeits- und Tiefenänderungen die eigene Position zu verändern. Besonders wichtig war der Zeitraum, in dem das angreifende Schiff während seines Anlaufes den ASDIC-Kontakt verlor oder die Wasserbomben bereits abgeworfen waren und zum Boot hinabsanken. Ein schneller Tiefenwechsel konnte dazu führen, dass die Wasserbomben oberhalb oder unterhalb des Bootes detonierten. Gleichzeitig konnten starke Kursänderungen das U-Boot aus dem berechneten Angriffsmuster führen. Längere Verfolgungen bestanden häufig aus zahlreichen aufeinanderfolgenden Wasserbombenangriffen. Dabei versuchte das U-Jagd-Fahrzeug nach jeder Angriffsfahrt erneut, das U-Boot zu orten und einen weiteren Angriff durchzuführen.
Folgen längerer Wasserbombenangriffe
Auch wenn ein U-Boot nicht unmittelbar versenkt wurde, konnten wiederholte Wasserbombenangriffe erhebliche Auswirkungen haben. Die Besatzung war teilweise über viele Stunden starken Explosionen und Erschütterungen ausgesetzt. Gleichzeitig mussten mögliche Schäden kontrolliert und Wassereinbrüche bekämpft werden. Beschädigte Pumpen, Ventile, Ruder, Batterien oder elektrische Anlagen konnten die Möglichkeiten des Bootes zunehmend einschränken. Ein U-Boot konnte dadurch gezwungen werden, seine Unternehmung abzubrechen oder aufzutauchen. Besonders gefährlich war dies, wenn gegnerische Überwasserschiffe oder Flugzeuge weiterhin in der Nähe waren.
Grenzen der Wasserbombe
Die klassische Wasserbombe war keine Präzisionswaffe. Das angreifende Fahrzeug musste abschätzen, wo sich das U-Boot befinden würde, wenn die Wasserbomben die eingestellte Tiefe erreichten. Während der Sinkzeit konnte das Boot jedoch seinen Kurs, seine Geschwindigkeit und seine Tiefe verändern. Viele deutsche U-Boote überstanden deshalb auch umfangreiche Wasserbombenangriffe. Die Wirksamkeit der Wasserbomben nahm jedoch im Verlauf des Krieges durch bessere Sonargeräte, schneller sinkende Waffen, größere Angriffsmuster und verbesserte Angriffstaktiken erheblich zu.
Hedgehog und Squid
Ein Nachteil des klassischen Wasserbombenangriffes bestand darin, dass das angreifende Schiff über die Position des U-Bootes hinwegfahren musste. Deshalb entwickelten die Alliierten Waffen, die bereits vor das angreifende Schiff geschossen werden konnten. Zu diesen Waffen gehörte der britische Hedgehog. Er verschoss gleichzeitig 24 kleinere Sprengkörper vor das Schiff. Anders als eine normale Wasserbombe explodierten diese Geschosse erst beim direkten Kontakt mit dem U-Boot. Eine weitere Entwicklung war der Squid. Dieses System verschoss mehrere schwere U-Boot-Abwehrgeschosse vor das Schiff und konnte mit verbesserten ASDIC-Geräten gekoppelt werden. Hedgehog und Squid ergänzten die Wasserbombe und ermöglichten einen Angriff, während das U-Boot weiterhin vor dem U-Jagd-Fahrzeug geortet werden konnte.
Bedeutung für deutsche U-Boote
Wasserbomben gehörten während des gesamten Zweiten Weltkrieges zu den häufigsten Waffen, mit denen getauchte deutsche U-Boote angegriffen wurden. Zu Beginn des Krieges waren die Angriffsmöglichkeiten der alliierten U-Jagd-Fahrzeuge noch vergleichsweise begrenzt. Mit verbesserten Sonargeräten, größeren Wasserbombenvorräten, besseren Werfern und schneller sinkenden Wasserbomben nahm die Wirksamkeit jedoch ständig zu. Auch Flugzeuge wurden mit speziell für die U-Boot-Bekämpfung vorgesehenen Wasserbomben ausgestattet und entwickelten sich zu einer erheblichen Bedrohung. Selbst wenn ein Wasserbombenangriff nicht zur unmittelbaren Versenkung führte, konnten Schäden am Druckkörper, Wassereinbrüche und technische Ausfälle die weitere Einsatzfähigkeit eines U-Bootes stark beeinträchtigen. Die Wasserbombe blieb deshalb bis zum Kriegsende eine der wichtigsten alliierten Waffen im Kampf gegen die deutschen U-Boote.
Quellen im Bundesarchiv
BArch RM 87:
Befehlshaber der Unterseeboote der Kriegsmarine.
BArch RM 98: Unterseeboote der Kriegsmarine.
Quellen in internationalen Archiven
The National Archives (TNA), AIR 15:
Unterlagen zur U-Boot-Abwehr und zum Einsatz von Wasserbomben durch das RAF Coastal Command.
National Archives and Records Administration (NARA), Record Group 74: Records of the Bureau of Ordnance.
U.S. Navy Bureau of Ordnance: Depth Charges, Mark 6, Mark 6 Mod. 1, Mark 7 and Mark 7 Mod. 1. Ordnance Pamphlet No. 747, 1943.
U.S. Navy Bureau of Ordnance: Depth Charge, Mark 9 and Modifications. Ordnance Pamphlet No. 866, 1944.
Literatur
Campbell, John:
Naval Weapons of World War Two. Conway Maritime Press, London, 1985.
Henry, Chris: Depth Charge! Royal Naval Mines, Depth Charges & Underwater Weapons 1914–1945. Pen & Sword Books, Barnsley, 2005.
Friedman, Norman: British Destroyers & Frigates. The Second World War and After. Seaforth Publishing, Barnsley, 2006.
Quellenverweise: → Quellenangaben in Online-Archiven
Literaturverzeichnis: → Literaturverzeichnis und Buchkauf
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Andreas Angerer - ubootarchivwiki@gmail.com