Kommandant
U-Boot-Kommandant
Der Kommandant eines U-Bootes trug die Gesamtverantwortung für Boot, Besatzung und Auftrag. Er war die zentrale militärische Führungsinstanz an Bord und entschied im Rahmen der erhaltenen Befehle über die seemännische und taktische Führung des Bootes. Zu seiner Verantwortung gehörten die sichere Führung des U-Bootes, die Einsatzbereitschaft und Ausbildung der Besatzung, die militärische Disziplin sowie die Vorbereitung und Durchführung von Unternehmungen. Während einer Feindfahrt musste er zahlreiche Entscheidungen selbständig treffen und dabei taktische Lage, technischen Zustand des Bootes und Sicherheit der Besatzung miteinander abwägen.
Weg zum U-Boot-Kommandanten
Der Weg zum U-Boot-Kommandanten begann mit der allgemeinen Seeoffiziersausbildung und der anschließenden besonderen U-Boot-Ausbildung. Von besonderer Bedeutung war die praktische Erfahrung als Wachoffizier. Viele spätere Kommandanten dienten zunächst als II. Wachoffizier und anschließend als I. Wachoffizier. Dabei sammelten sie Erfahrungen im Wachbetrieb, in Navigation und Bootsführung, beim Torpedoeinsatz sowie unter tatsächlichen Einsatzbedingungen. Für geeignete Offiziere folgten anschließend weitere Ausbildungsabschnitte wie U-Taktische Ausbildung, Kommandanten-Lehrgang und Kommandanten-Schießlehrgang. Ausbildungsweg und Reihenfolge konnten sich nach Zeitraum, bisheriger Verwendung und Bedarf der U-Boot-Waffe unterscheiden.
Kommandantenausbildung
Die abschließende Kommandantenausbildung bereitete den Offizier auf die selbständige Führung eines U-Bootes vor. Ein wichtiger praktischer Abschnitt war der Kommandanten-Schießlehrgang, der unter anderem bei der 24. U-Flottille durchgeführt wurde. Dabei musste der angehende Kommandant Torpedoangriffe weitgehend selbständig vorbereiten und durchführen. Entscheidend war nicht allein das Torpedoschießen, sondern die Verbindung von Zielbeobachtung, taktischem Anmarsch, Bootsführung, Feuerleitung und selbständiger Entscheidungsfindung. Eine weitere praktische Ausbildung konnte als Kommandantenschüler erfolgen. Dabei sammelte der Offizier unter Anleitung eines erfahrenen Kommandanten zusätzliche Erfahrungen, bevor er ein eigenes Boot übernahm.
Übernahme eines U-Bootes
Nach Abschluss der vorgesehenen Ausbildung konnte der Offizier mit dem Kommando über ein U-Boot beauftragt werden. Bei einem Neubau ging der Übernahme häufig eine [[Baubelehrung}} voraus. Dabei lernte der zukünftige Kommandant gemeinsam mit Teilen seiner Besatzung Aufbau und technische Einrichtungen seines Bootes kennen. Mit der Indienststellung übernahm er offiziell die Führung. Während der anschließenden Einfahr- und Ausbildungszeit musste er die Besatzung zu einer einsatzfähigen Einheit zusammenführen und den Ausbildungsstand des gesamten Bootes überwachen.
Stellung an Bord
Der Kommandant stand an der Spitze der Bordorganisation. Zu den wichtigsten Offizieren gehörten der I. Wachoffizier, der II. Wachoffizier und der Leitende Ingenieur. Sie führten ihre jeweiligen Aufgabenbereiche, während der Kommandant die Meldungen und Informationen der einzelnen Dienststellen zusammenführte und die Entscheidungen für das gesamte Boot traf. Besonders eng war die Zusammenarbeit mit dem I. Wachoffizier im Wach- und Gefechtsdienst sowie mit dem Leitenden Ingenieur in allen Fragen des technischen Zustandes, der Tauchfähigkeit und der Einsatzbereitschaft des Bootes.
Führung der Besatzung
Neben der taktischen und seemännischen Führung gehörte die Führung der Besatzung zu den wichtigsten Aufgaben des Kommandanten. Auf einer Unternehmung lebte die gesamte Besatzung über längere Zeit auf engem Raum und unter hoher körperlicher und psychischer Belastung. Der Kommandant war für militärische Ordnung und Disziplin, Ausbildung und Dienstaufsicht verantwortlich. Er musste dafür sorgen, dass die einzelnen Fachbereiche zuverlässig zusammenarbeiteten und die Besatzung auch unter Alarm- und Gefechtsbedingungen handlungsfähig blieb.
Führung während der Unternehmung
Während einer Unternehmung führte der Kommandant sein Boot auf Grundlage der erhaltenen Operationsbefehle. Die konkrete Durchführung lag jedoch weitgehend in seiner Verantwortung. Er musste Feindlage, Wetter, Treibstoffvorrat, technischen Zustand und die verfügbaren Waffen berücksichtigen und daraus seine Entscheidungen ableiten. Dazu gehörten die Wahl von Kurs und Fahrweise, Tauch- und Überwasserfahrt, taktischer Anmarsch, Durchführung oder Abbruch eines Angriffes sowie das Verhalten bei gegnerischen Gegenmaßnahmen. Situationen, die in den vorher erteilten Befehlen nicht im Einzelnen geregelt waren, musste er aufgrund seiner Ausbildung, Erfahrung und der aktuellen Lage selbständig entscheiden.
Torpedoangriff
Bei einem Torpedoangriff führte der Kommandant die taktische Gesamtleitung. Er entschied über Zielwahl, Anmarsch, Angriffsposition und den Einsatz der Torpedos. Bei einem Unterwasserangriff beobachtete er das Ziel gewöhnlich durch das Angriffssehrohr. Wachoffiziere und Torpedopersonal unterstützten bei Zielbeobachtung, Schusswertermittlung und Vorbereitung der Waffen. Die endgültige Entscheidung über den Torpedoabschuss lag beim Kommandanten. Nach dem Angriff entschied er über das weitere Verhalten des Bootes, beispielsweise über Absetzen, Tieftauchen, einen erneuten Angriff oder weitere Beobachtung des Gegners.
Verhalten in Gefahrensituationen
Auch bei technischen Schäden, Wassereinbruch, Luftangriffen oder gegnerischer Verfolgung blieb der Kommandant für die Gesamtführung verantwortlich. Er musste die Meldungen des Leitenden Ingenieurs, der Wachoffiziere und der übrigen Fachbereiche beurteilen und daraus die notwendigen Maßnahmen ableiten. Dabei konnten Kurs- und Tiefenänderungen, geräuscharmes Verhalten, Reparaturmaßnahmen oder im äußersten Fall der Abbruch einer Unternehmung erforderlich werden.
Kriegstagebuch
Für jedes U-Boot wurde ein Kriegstagebuch geführt, in dem der Ablauf von Ausbildung, Hafenliegezeit und Unternehmungen dokumentiert wurde. Der Kommandant trug besondere Verantwortung für dessen ordnungsgemäße Führung. Das Kriegstagebuch enthielt unter anderem Angaben zu Position, Wetter, Kurs und Fahrt, Feindkontakten, Angriffen, Torpedoschüssen, gegnerischen Gegenmaßnahmen und wichtigen technischen Ereignissen. Nach Abschluss einer Unternehmung wurde es vervollständigt und vom Kommandanten unterzeichnet. Die anschließende Auswertung einer Unternehmung diente zugleich dazu, Erfahrungen aus dem Fronteinsatz für die weitere Führung und Ausbildung der U-Boot-Waffe nutzbar zu machen.
Veränderungen während des Zweiten Weltkrieges
Die Anforderungen an die U-Boot-Kommandanten veränderten sich während des Krieges erheblich. Zunehmende alliierte Luftüberwachung, Radar und verbesserte U-Boot-Abwehr erschwerten den früher häufigen Überwassereinsatz. Neue Torpedotypen, Funkmeßbeobachtungsgeräte, Schnorchel und schließlich die neuen U-Boot-Typen verlangten zusätzliche Kenntnisse und angepasste taktische Verfahren. Die Kommandanten mussten deshalb laufend neue Befehle, technische Vorschriften und Erfahrungen aus dem Fronteinsatz berücksichtigen.
Quellen im Bundesarchiv
BArch RM 87:
Befehlshaber der Unterseeboote der Kriegsmarine.
BArch RM 89: Unterseebootstäbe der Kriegsmarine.
BArch RM 91: Unterseebootflottillen der Kriegsmarine.
BArch RM 98: Unterseeboote der Kriegsmarine.
BArch PERS 6: Personalunterlagen von Angehörigen der Reichswehr und Wehrmacht.
Literatur
Busch, Rainer / Röll, Hans-Joachim:
Der U-Boot-Krieg 1939–1945. Band 1: Die deutschen U-Boot-Kommandanten. E. S. Mittler & Sohn, Hamburg/Berlin/Bonn, 1996.
Mulligan, Timothy P.: Die Männer der deutschen U-Bootwaffe 1939–1945. Motorbuch Verlag, Stuttgart, 2001.
Rössler, Eberhard: Die deutschen U-Boote und ihre Werften. 2 Bände. Bernard & Graefe Verlag, München, 1979–1980.
Lohmann, Walter / Hildebrand, Hans H.: Die deutsche Kriegsmarine 1939–1945. Gliederung – Einsatz – Stellenbesetzung. 3 Bände. Podzun Verlag, Bad Nauheim, 1956–1964.
Quellenverweise: → Quellenangaben in Online-Archiven
Literaturverzeichnis: → Literaturverzeichnis und Buchkauf
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Andreas Angerer - ubootarchivwiki@gmail.com